In einem tiefgehenden Gespräch beleuchtet Natalia Lamotte, eine Doula und Mutter von vier Kindern, ihren Alltag mit ADHS. Sie erhielt die Diagnose erst als Erwachsene, was viele Aspekte ihres bisherigen Lebens in einem neuen Licht erscheinen ließ. Der Artikel thematisiert die späte Diagnosestellung, die besonderen Hürden im Mutterdasein und die überraschenden Stärken, die ADHS mit sich bringen kann. Natalia teilt ihre persönlichen Strategien und Wünsche an die Gesellschaft, um neurodivergenten Eltern ein besseres Verständnis und mehr Unterstützung zukommen zu lassen.
Die späte Diagnose von ADHS bei Natalia ist kein Einzelfall, insbesondere bei Frauen. Traditionell wurde ADHS eher bei Jungen diagnostiziert, wodurch Mädchen oft unentdeckt blieben und lernten, ihre Symptome zu kompensieren. Erst mit der Mutterschaft, die eine Flut neuer Verantwortungen und den Verlust etablierter Bewältigungsmechanismen mit sich bringt, erkennen viele Frauen die Notwendigkeit einer Diagnose. Natalia beschreibt, wie die ständige Fremdbestimmung und die Notwendigkeit, für andere mitzudenken, ihre bisherigen Strategien außer Kraft setzen und die Symptome verstärken.
Natalia steht als Mutter mit ADHS vor spezifischen Herausforderungen. Die Organisation des Familienalltags, das Einhalten von Terminen für sich und ihre Kinder sowie die Zeitplanung bereiten ihr große Schwierigkeiten. Hinzu kommt die emotionale Regulation: Sie erlebt Phasen impulsiver Reaktionen und kann ihre Gefühle nicht immer so steuern, wie sie es sich wünschen würde. Diese Aspekte stehen oft im Konflikt mit den gesellschaftlichen Erwartungen an eine „perfekte“ Mutter.
Doch ADHS bringt auch Vorteile mit sich, wie Natalia betont. Neurodivergente Mütter sind oft besonders feinfühlig und können sich tief in die Gefühlswelt ihrer Kinder einfühlen, was eine starke Bindung fördert. Ihr ausgeprägter Gerechtigkeitssinn lässt sie starre Normen hinterfragen und kreative, unkonventionelle Wege für ihre Familie finden. Diese Mütter zeichnen sich oft durch Kreativität, Begeisterungsfähigkeit und eine bewahrte kindliche Energie aus, die den Familienalltag bereichert.
Für neurodivergente Mütter gibt Natalia drei wertvolle Tipps: Erstens, alles sofort aufschreiben, da ein „später“ oft nicht eintritt. Zweitens, die eigenen Bedürfnisse wie Hunger und Durst bewusst wahrnehmen und darauf achten, wenn das Nervenkostüm dünner wird. Drittens und am wichtigsten: Milde mit sich selbst sein. Sie betont, dass Perfektion unerreichbar ist und ein strenger Umgang mit sich selbst auch die Beziehung zu den Kindern belastet. Nachsicht und Selbstakzeptanz sind essenziell.
Die Diagnose von Natalies ADHS entlastete auch ihre Partnerschaft. Vorherige Konflikte, die aus ihrer scheinbaren „Missachtung“ von Zeit oder Prioritäten resultierten, konnten nach der Diagnose als Symptome ihrer ADHS erklärt werden. Dies führte zu mehr Verständnis, Humor und gezielter Unterstützung durch ihren Mann. Natalia wünscht sich von der Gesellschaft mehr Offenheit und weniger Druck für Mütter. Sie plädiert dafür, die Vielfalt der Mutterschaft zu akzeptieren und Müttern, die Schwierigkeiten haben, mit Empathie und Unterstützung zu begegnen, statt mit Verurteilung. Sie betont, dass der Kampf vieler neurodivergenter Menschen oft unsichtbar bleibt und Ergebnisse nicht immer den Aufwand widerspiegeln.
