Aliaksei Barysionak, ein anerkannter Kurator, spricht über die facettenreiche Kunstszene in Wien. Er betont die Notwendigkeit, bisher übersehene Sichtweisen, besonders aus Mittel- und Osteuropa, ans Licht zu bringen. Dabei kritisiert er die aktuelle Kulturpolitik, die sich seiner Meinung nach zu sehr auf das äußere Image konzentriert, anstatt lokale Künstler und Initiativen zu fördern. Barysionak hebt hervor, dass Kunst eine wichtige Rolle dabei spielt, gesellschaftliche Realitäten zu reflektieren und Diskussionsanstöße zu geben.
Die Wiener Kunstwelt wird als pulsierend beschrieben, jedoch auch als konservativ in ihrer Struktur. Barysionak ist überzeugt, dass Wien als kultureller Knotenpunkt Osteuropas ein ungenutztes Potenzial birgt. Er beleuchtet, wie seine persönlichen Erfahrungen als Geflüchteter aus Belarus seine kuratorische Arbeit beeinflussen und ihn dazu motivieren, Künstlerinnen eine Bühne zu bieten, deren kreativer Ausdruck in ihren Heimatländern unterdrückt wird. Zudem gibt er Einblicke in den Auswahlprozess der Künstler für die Viennacontemporary und ermutigt junge Talente zur Neugier und Offenheit.
Wiens Kunstszene: Potenzial und Herausforderungen
Die Kunstlandschaft Wiens ist durch eine lebendige Vielfalt geprägt, beherbergt jedoch gleichzeitig eine bemerkenswerte konservative Haltung. Aliaksei Barysionak unterstreicht das immense, aber noch nicht vollständig ausgeschöpfte Potenzial der Stadt, insbesondere im Hinblick auf ihre Rolle als Bindeglied zu Osteuropa. Er kritisiert, dass trotz zahlreicher kultureller Angebote und Veranstaltungen die städtische Kulturpolitik oft die etablierten Strukturen übergeht und die Unterstützung für organisch gewachsene Initiativen vernachlässigt. Diese Konzentration auf das städtische Image und die mangelnde Förderung lokaler Kunstschaffender führt dazu, dass bestimmte Perspektiven innerhalb der Institutionen unterrepräsentiert bleiben und der Zugang zu Kunst für breitere Bevölkerungsschichten erschwert wird.
Barysionak sieht in der Wiener Kunstszene eine einzigartige Mischung aus historischem Erbe, wie dem 'Roten Wien', und einer dynamischen, aber auch fragmentierten Gegenwart. Er bemängelt, dass politische Zurückhaltung und die Furcht vor gesellschaftlicher Polarisierung dazu führen, dass viele Ausstellungen provokante oder kritische Themen meiden und somit ihre Möglichkeit verpassen, zum Nachdenken anzuregen und soziale Realitäten aufzugreifen. Für ihn ist es essenziell, die Hierarchien und Ungleichheiten, die in der Kunstszene existieren, sichtbar zu machen und durch seine kuratorische Arbeit Künstlern aus marginalisierten Regionen eine Stimme zu verleihen. Die Viennacontemporary bietet hierfür eine wichtige Plattform, um diese Diskrepanzen zu überwinden und einen inklusiveren Dialog zu ermöglichen.
Unterrepräsentierte Stimmen und die Rolle des Kurators
Aliaksei Barysionak betont die existentielle Bedeutung, unterrepräsentierte Stimmen in der Kunstszene hervorzuheben, ein Engagement, das stark durch seine eigene Lebensgeschichte geprägt ist. Als Geflüchteter aus Belarus, wo künstlerischer Ausdruck oft kriminalisiert wird, fühlt er sich verpflichtet, Künstlern aus Mittel- und Osteuropa eine Plattform zu bieten. Diese Künstler, die oft Erfahrungen von Flucht und Entfremdung teilen, finden in Wien nicht immer die nötige Sichtbarkeit. Barysionak ist davon überzeugt, dass Messen wie die Viennacontemporary eine entscheidende Rolle dabei spielen können, diesen marginalisierten Perspektiven Gehör zu verschaffen und einen Raum für ihre Werke zu schaffen, die sich mit Migration, Zugehörigkeit und politischen Realitäten auseinandersetzen.
Sein kuratorischer Prozess für die 'Zone1' ist sorgfältig und intuitiv, geleitet von der Suche nach Künstlern unter 40 Jahren, die in Wien leben oder sich mit der Stadt künstlerisch auseinandersetzen. Er wählte Künstler wie Natália Sýkorová, Kateryna Lysovenko und Dominika Trapp aus, deren Arbeiten Genderfragen, Autorität und rechtspopulistische Tendenzen kritisch beleuchten. Barysionak ermutigt junge Künstlerinnen, ihre Neugier zu bewahren und über den Tellerrand zu blicken, da dies entscheidend ist, um die Komplexität der Welt zu erfassen und künstlerisch zu verarbeiten. Er sieht seine Arbeit als Brücke zwischen verschiedenen Kulturen und als Medium, um gesellschaftliche Debatten anzustoßen und die Kunstszene inklusiver zu gestalten.
