Nach den ersten Monaten verliert ein Säugling den sogenannten Nestschutz, wodurch sein eigenes Immunsystem auf die Probe gestellt wird. Es ist völlig normal, dass Babys in dieser Zeit bis zu zwölf leichte Infektionen pro Jahr durchmachen, insbesondere in den kälteren Monaten. Dr. Carsten Speckmann von der Uniklinik Freiburg betont, dass dies kein Grund zur Sorge ist, sondern vielmehr ein wichtiges Training für die kindliche Abwehr.
Das Immunsystem eines Babys ist zwar bei der Geburt vollständig angelegt, doch sein Gedächtnis, das für die Immunität gegen bereits bekämpfte Erreger entscheidend ist, muss sich erst entwickeln. Dieses Gedächtnis ermöglicht es dem Körper, Bakterien und Viren schnell zu erkennen und unschädlich zu machen. Professor Werner Solbach vom Institut für Mikrobiologie und Hygiene der Uniklinik Schleswig-Holstein erklärt, dass dieser Lernprozess den Kontakt mit Antigenen aus der Umwelt erfordert, wie Keime im Hausstaub oder Bakterien im Schmutz. Daher ist es förderlich, wenn Babys frühzeitig mit anderen Kindern spielen und auch mal mit Sand und Dreck in Berührung kommen dürfen.
Manchmal lernt das Immunsystem auch still und heimlich, indem es Erreger abwehrt, ohne dass sichtbare Krankheitssymptome auftreten – ein Phänomen, das als „stille Feiung“ bekannt ist. Dieses Training ist essentiell, und es braucht viel Zeit, bis das Immunsystem vollständig ausgereift ist. Aus diesem Grund haben Kinder bis ins Schulalter hinein tendenziell mehr Infekte als Erwachsene. Obwohl schwere Immundefekte selten sind, sollten Eltern bei wiederkehrenden, schweren Infektionen, die Krankenhausaufenthalte erforderlich machen, einen Arzt konsultieren. Ein Infekt-Tagebuch kann dabei helfen, Muster zu erkennen und dem Kinderarzt wichtige Informationen zu liefern. Bei der Behandlung von Infektionen mit Antibiotika ist es wichtig zu wissen, dass diese bei bakteriellen Infektionen, wenn sie korrekt eingesetzt werden, das Immunsystem nicht schwächen, sondern im Gegenteil zum Schutz beitragen, indem sie das immunologische Gedächtnis aufbauen. Allerdings können Antibiotika die Darmflora beeinträchtigen, weshalb eine sorgfältige Anwendung unerlässlich ist.
Die Entwicklung des kindlichen Immunsystems ist ein faszinierender und komplexer Prozess, der Zeit, Geduld und oft auch eine gesunde Portion Dreck erfordert. Indem wir diesen natürlichen Lernprozess unterstützen und bei Bedarf professionelle Hilfe suchen, können wir unseren Kindern eine starke Basis für ein gesundes Leben bieten und sie ermutigen, die Welt neugierig und unbeschwert zu entdecken.
